Die Ekstase der Qual: Der Schnittpunkt zwischen Sexualität und Geistlichkeit
Wenn BDSM betrachtet wird, dann meistens nur selten von anderen Seiten als von der physischen. Noch seltener wird ein Zusammenhang zum Heidnischen oder anderen Religionen gezogen. Doch was passiert in einem Menschen, der gefestigt in einem Glauben an eine Religion ist, wenn er bemerkt, dass seine sexuellen Vorlieben nicht dem entsprechen was die Religion vorgibt?
So besagt die Bibel zum Beispiel, dass gegenseitige Handlungen im Ehebett nur dann erwünscht sind, wenn sie der möglichen Fortpflanzung dienen. Nun ist dieser Ausführung doch dehnbar. Es ist nichts darüber geschrieben, dass nicht einer der beiden von einem Schrank springen darf, dass er keinen Gummianzug tragen darf oder das zwischendurch auch mal gespanked werden darf. Also so gesehen alles im Lot und im Sinne des Glauben.
Natürlich ist es schwer in der heutigen Zeit Religiösität und die eigene Ansicht in Sachen Sexualität unter einen Hut zu bekommen. Da waren zum Beispiel die Ermahnung, dass Masturbation nicht erwünscht ist, Homosexualität ist abnormal und Sex vor der Ehe ist nach manchen religiösen Schriften auch verboten. Nun ist es aber nicht so, als wenn die großen Weltreligionen nicht langsam merken würden, dass sie damit mehr Menschen verscheuchen als an sich binden. Deswegen beginnen sie einzusehen, dass ein gesundes Sexleben ein integraler Bestandteil des Lebens ist. Doch was ist gesund und wie definiert es sich? Das Sex im Sinne der Fortpflanzung etwas tolles ist, darüber sind sich alle einig doch dann wird es schon verschwommen. Vor allem dann wenn es darum geht, dass die sexuellen Gelüste sich etwas abseits vom Mainstream abspielen.
Das Christentum mag nicht die weltgrößte Religion sein, aber nach Erhebungen ist es der weit verbreiteste Glauben in den vereinigten Staaten. Das Christentum selbstredend ist noch in weitere Sektionen unterteilt, die die Sache mit dem Sex etwas differenzierter sehen. Einige christliche Glaubensrichtungen sehen Sex in der Ehe als normal an, während andere Gruppierungen streng danach gehen, dass nur im Sinne der Fortpflanzung sich vereinigt werden darf.
Ähnlich ist das Judentum, wenngleich auch schon etwas flexibler. Dort wird gesagt, dass Sex nur etwas für verheiratete Menschen ist. Ganz gleich ob zum Spaß oder zur Fortpflanzung.
Dass der muslimische Glauben frauenfeindlich ist mag man glauben oder nicht, aber selbst in den muslimischen Schriften steht, dass Mohammed verkündet hat, dass Sex ein Vergnügen ist das zwar der Ehe vorbehalten ist, aber nicht nur praktiziert werden darf um sich fortzupflanzen.
Was aber geschieht, wenn einer der Partner einen Wunsch hat, der sich nicht mit dem traditionellen Bild der Sexualität erfüllen lässt? Was ist wenn Spanking ins Spiel kommt oder der Partner danach fragt? Was passiert, wenn der Mann von seiner Frau dominiert werden möchte? Wie sieht es aus mit Bondage oder Rollenspielen? Und wie schlimm ist es, wenn die Sexpartner gar nicht verheiratet sind?
So ist es nicht verwunderlich, dass Menschen die steng gläubig sind einen starken Kampf ausfechten mussten, wenn es darum geht Glauben und die Lust an nicht alltägliche sexuelle Praktiken unter einen Hut zu bringen. Das kann bis zu einer Krise des Geistes, des Körpers und des Verstandes gehen.
Körper,Geist und Seele
Es gibt sicherlich viele Aspekte der Heiligkeit und der Spiritualität, die in BDSM-Aktivitäten vorhanden sind. Ein fantastisches Beispiel ist das dienen. In den meisten Religionen wird den Gläubigen gelehrt der Gottheit zu dienen und das dies die höchste Form des Glaubens ist. Für eine Unterwürfige oder einen Sklave, die einer dominanten Person dienen und die Wünsche erfüllen, ist es also nichts anderes als das was Missionare, Priester oder ähnliche Personen in der Religion machen, wenn sie der Gottheit folgen.
Der Kern des Dienen ist ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit für diejenigen, die dies aus religiösen Gründen machen wie für die Menschen, die in einer Partnerschaft leben und es dem Lebensgefährten recht machen wollen. Ganz gleich in welchem Kontext das Dienen gesehen wird.
Eine Reihe von religiösen Traditionen beinhalten Prüfungen die dazu dienen, einen gewissen Punkt zu überwinden und transzendente Erfahrungen zu erleben. Auch soll durch den Verlust der Kontrolle die eigene Wahrnehmung geschärft werden. Die eigene Auspeitschung katholischer Mönche oder das Fasten in vielen Religionen sind anerkannte schmerzhafte und herausfordernde Situationen im Leben der Menschen. Alle mit dem Ziel eine Gemeinsamkeit mit einer höheren Macht aufzubauen. Verglichen mit der Erfahrung der Unterwürfigkeit in der SM-Szene die einige Menschen erfahren haben, ist die Distanzierung durch ein intensives Bondage gleichzusetzen mit einer Erkundung der Tiefen des eigenen Lebens. Diese Erfahrungen ermöglichen es die Sicht der Dinge zu verändern oder gar das ganze Leben zu ändern.
Der Gruppengedanke in beiden Bereichen, der Religion und der Sexualität, gibt einen weiteren Aspekt der zu bedenken ist. Viele Gläubige und Menschen engagieren in Kirchen, Synagogen, Tempeln und anderen heiligen Städten um das Gefühl zu erfahren, dass sie Teil einer großen Familie sind. Ähnlich ist es in den vielen kleinen Untergruppen die sich unter dem Schirm des Begriffes BDSM gebildet haben. Die Gruppen dienen dazu seine sexuellen Gelüste vertiefen zu können und zeitgleich das Gefühl der Zugehörigkeit zu haben. Dabei sind viele Gruppen nicht nur im Sinne der sexuellen Befriedigung da, sondern engagieren sich wohltätig, dienen der Selbstfindung oder sind eine Familienersatz, wenn man mit der eigenen Familie nicht über seine Vorlieben reden kann oder diese einen eben wegen derer ausgestoßen hat.
Sex ist nichts Böses – Er predigt nur den Weg
BDSM und Spiritualität haben für viele Menschen einen inneren Zusammenhang. Sexuelle Begierden – auch die die dem Normalen etwas entweichen – werden oft in semi-religiösen Begriffen beschrieben. Und Hand aufs Herz, es gibt bestimmt viele die schon mal „Oh mein Gott“ ausgerufen haben beim Sex. Vor allem dann wenn es gefällt. Das Praktizieren der Sexualität ist eine geistig geduldete menschliche Erfahrung, die in jede große Religion reicht. Das hohe Lied Solomon ist ein gutes Beispiel für eine positive Darstellung der Sexualität. Mohammed hat ja auch gelehrt, dass Sex ein göttlicher Segen ist.
Der Prozess Frieden zu finden, mit den eigenen Wünschen die entgegen dem sind was uns von der Kirche gelehrt wurde, ist belastet mit Selbstzweifeln, Scham und Schuld für manche gläubige Menschen. Es gibt Menschen die streng katholisch erzogen wurden und Jahre gekämpft haben mit sich. Sie wussten das es „falsch“ ist was sie wollen. Sex ist ja nur etwas für die Ehe und das Kinder kriegen. Doch Reaktionen und Verhalten der Mitmenschen ließ sie erkennen, dass irgendwas nicht in Ordnung ist. So ergeht es vielen Menschen die in den Konflikt zwischen Wunsch und Glauben kommen. Es geht soweit, dass die Wünsche unterdrückt werden. Das schafft auch Frieden, aber einen Frieden der auf Unbehagen beruht.
Jede Münze hat zwei Seiten und so gibt es Menschen, die mit dieser Gegensätzlichkeit keine Probleme haben. So gibt es Juden die davon berichten, dass sich trotz des Glauben an das Judentum der Sex wunderbar damit vereinbaren lässt. Das liegt meines Erachtens nach an zwei Dingen. Erstens wird es Gott nicht interessieren, ob die Sahne mit Erdbeeren gegessen wird oder von Stiefeln abgeleckt. Solange niemand zu Schaden kommt und es dem Menschen gut geht wird Gott daran wenig Interesse haben.
Zweitens ist das Gefühl, dass vom Sex in einem erwacht ebenso stark wie das von einem Gebet. Bezogen auf diese zwei Thesen ist Sex etwas ganz natürliches, dass sich gut in den Glauben intrigieren lässt. Außerdem ist Sex eine Feier für den Körper, Vertrauen und Verbindung mit anderen Menschen. Was könnte göttlicher sein?
Im besten Falle kann man mit seinem Religionslehrer offen über die Rolle der Sexualität im Glauben sprechen. Dennoch kann es passieren, dass solche Gespräche eher leise geführt werden möchten und schon gar nicht in den heiligen Wänden. Sollte das Gespräch gar nicht geführt werden wollen, gibt es glücklicherweise eine Vielzahl von Webseiten und Foren aller gängigen Weltreligionen. In diesen können über Themen wie BDSM, Dominanz und Unterwerfung oder auch offene Beziehungen diskutiert werden. Auch bilden diese Webseiten wieder eine Gemeinschaft für die Menschen, deren Fetisch ebenso wichtig ist wie der Glaube. Und was ist schon göttlicher als ein frohes Leben mit erfülltem Sex und dem Glauben?
Tags: BDSM, Bondage, Dominanz, Fetisch, Schmerz, Sexualität, Spanking, Unterwerfung

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